Maria Maier
Maria Maier

Baal hat keine weiße Hose an

Kurzprosa. Erschienen in Landpartie 18, Edition Paechterhaus

 

Ich sitze in der vorletzten Reihe. Es ist Donnerstag Abend, gegen 20:30 Uhr, Baal und seine Mutter stehen eng umschlungen am Bühnenrand in einer Suppe aus Matsch und Papier. Die ganze Sauerei, die Baal innerhalb von einer halben Stunde dort unten auf der Bühne angerichtet hat, kann ich von hier aus gut überblicken. Schwarze Erde, anfangs noch zu großen Haufen aufgetürmt, liegt überall verteilt, dazwischen zerbrochene Sektgläser, herunter gerupfte Klamotten, die Fetzen eines Manuskripts. Im hinteren Bereich der Bühne tigert ein Nebendarsteller herum, er hat Baal gerade die Nachricht seiner Kündigung überbracht, kommentiert mit den Worten upsibubsi.

Und Baal, drahtig, bleich, voller Körperspannung, ein Junge, der es trotz aller Eskapaden nicht aushalten kann, wenn er seiner Mutter Kummer bereitet, hebt an, sich mit Worten vor ihr in den Matsch zu werfen – da wird plötzlich ein Röcheln hörbar. Jemand schnarcht.

Im Theater zu Gähnen ist bösartig genug, aber so offensichtlich einzuschlafen? Auch von anderen Zuschauern wird das Schnarchen registriert. Besonders die Sitznachbarn der schlafenden Person, sie befindet sich etwa fünf Reihen vor mir, wollen es scheint’s nicht hinnehmen, dass sich hier jemand im Angesicht der schwitzenden Körper auf der Bühne einfach so aus dem Geschehen ausklinkt.

Baal hat noch nichts gemerkt, redet weiter auf seine Mutter ein, er ist noch völlig in seinem Element. Da ist im Raum das Wort Arzt zu vernehmen. Erst zaghaft murmel murmel Arzt. Dann lauter: Ist hier ein Arzt. Langsam schiebt sich die Tatsache, dass im Publikum jemand ohnmächtig geworden ist, im Bewusstsein aller Anwesenden vor die Tatsache, dass Baal gerade seinen Job verloren hat.

Die Schauspieler halten in ihren Positionen inne, bewegen sich nicht von der Stelle. Baals Mutter starrt irritiert mit ihren stark geschminkten Augen ins Publikum. Sie erinnert mich an eine wilde Katze, die nicht weiß, ob sie aus dem Napf vor der Tür fressen darf oder gleich mit Fußtritten verjagt wird. Ein leichtes Raunen geht durch das Publikum, noch einmal, jetzt nachdrücklicher, die Frage: Ist hier ein Arzt? Keine Regung in den Sitzreihen, alle starren weiter gebannt auf die Bühne, von der aus die Schauspieler gebannt ins Publikum starren. Eine Frau vor mir macht halbe Anstalten sich zu erheben, kann sich dann aber doch nicht dazu entscheiden. Ihr blonder Zopf schwingt hin und her und pendelt sich schließlich wieder in der Mitte ein.

Endlich wird im Saal das Licht aufgedreht. Baal und seine Mutter, immer noch festgeklebt in derselben Position, werfen sich fragende Blicke zu. Jetzt kommt von der Seite, grauhaarig, bleich, der Inspizient auf die Bühne getapst, fragt mit leiser Stimme: Hallo, sollen wir einen Arzt rufen.
Die Sitznachbarn, schon relativ angespannt mittlerweile: Ja, wir brauchen einen Notarzt. Sie ist jetzt wieder wach, aber trotzdem.
Der Inspizient, wie ein Schüler, der bei einer fremden Klasse um Kreide bitten muss, zu der Frau: Möchten Sie vielleicht lieber rausgehen?

Baal und seine Mutter haben sich mittlerweile aus ihrer Umarmung gelöst. Der Nebendarsteller hat es geschafft, sich unbemerkt von der Bühne zu machen. Immer noch sitzen alle Zuschauer auf ihren Plätzen und starren jetzt den Inspizienten an, wie es wohl weitergeht. Die Sitznachbarn, ein Junge und ein Mädchen im Abiturientenalter, entscheiden sich dazu, die Frau hinaus zu begleiten.
Eine Ewigkeit dauert das, denke ich. Die Frau muss raus hier, raus an die Luft, vielleicht hat sie einen Schlaganfall.

Mit trägen Bewegungen erheben sich die Leute, um Platz zu machen. Die Frau, an den Armen gehalten, wird durch die Sitzreihe geschoben, untergehakt geht man mit ihr die Treppe hinunter. Um zum Ausgang zu gelangen muss das Grüppchen, dem sich nun noch weitere Leute anschließen, die ebenerdige Bühne, diese matschbestrichene Fläche, überqueren. Erst jetzt sehe ich, dass die Frau vollkommen weiß gekleidet ist. Vom Jackett bis zu den Schuhen, alles weiß. Ihre Hose strahlt vor dem dunklen Hintergrund wie ein wandelnder Scheinwerfer, bringt die Weichheit ihrer Bewegungen noch mehr zur Geltung. Nach wenigen Schritten beginnen die leuchtenden Beine der Frau sich zu verbiegen, einzuknicken. Sie sinkt auf die Knie und muss sich mit den Händen auf dem Boden aufstützen. Das Publikum gibt einen erschrockenen Ächzer von sich. Verunsichert passen sich die Helfer den Bewegungen der Frau an, lassen ihre Arme mit dem Körper der Niedersinkenden Richtung Matsche gleiten. Jetzt liegt sie dort auf dem Rücken, umgeben von den beiden Jugendlichen, vielleicht ihre Kinder, vielleicht ihre Schüler? Aber für beides erscheinen sie etwas zu ruhig. Daneben die anderen Leute, die ihre Telefone zücken und der Inspizient, der immer wieder zum Ausgang starrt.

Baal geht ein wenig auf und ab. Er kann sich nicht entscheiden die Bühne zu verlassen, findet es aber auch nicht richtig sich zu den anderen zu stellen. Baals Mutter hat sich neben die Frau auf den Boden gekniet, streichelt ihre Schulter, sagt: Können Sie uns hören? Können Sie uns hören? Ich glaube, sie kann uns hören.

In der offenen Tür wird mittlerweile telefoniert. Ja, ohnmächtig, jetzt gerade eben, Schiffbauerdamm 1, ja, auf der Probebühne. Atmet sie? Das Grüppchen am Boden nickt. Ja, sie atmet. Aber atmet sie normal? Ja, sie atmet normal. Eine andere Frau stellt nun mit lauter Stimme Fragen an die am Boden Liegende: Können Sie Ihre Beine bewegen? Haben Sie Schmerzen?

In der Reihe vor mir, wird der Frau mit dem blonden Zopf, von ihrer Sitznachbarin der Rücken getätschelt. Bestimmt eine Ärztin. Jetzt kümmern sich andere um den Notfall, sie ist für heute aus dem Schneider.

Weiter unten drängt sich eine Frau in einem violetten T-Shirt durch die Reihen, kämpft sich durch den vollbesetzten Saal bis zu den Musikern vor, die vorne neben der Bühne auf einem kleinen Podest sitzen, und redet mit ausladender Geste auf den Schlagzeuger ein. Offenbar will sie den Mann, der sich plötzlich gar nicht mehr wohl auf seinem Hocker fühlt, dazu bewegen, dass man die Frau endlich aus der Matsche hievt und nach draußen bringt, damit nicht auch noch vor aller Augen an ihr herumgedoktert wird. Der Mann hört sich alles an, bleibt aber so lange sitzen, ohne etwas zu tun, dass die Frau schließlich wieder zu ihrem Platz zurückkehrt.

Endlich sind zwei Sanitäter eingetroffen, wahrscheinlich von der Hauptbühne nebenan. Aber sind das überhaupt Sanitäter? Sie tragen weiße Hemden und korpulente Bäuche und stehen etwas ratlos neben der Frau, deren Beine man mittlerweile auf einem Stuhl hochgelagert hat.

Sie ist schon alles gefragt worden, sagt jemand. Der Notarzt muss bald hier sein. Ein Mann aus dem Publikum raunt: Nicht die Beine hochlegen, drängt sich durch die Sitzenden nach unten bis zur Bühne, lässt es dann aber darauf beruhen, sich in die Gruppe einzureihen.
Baals Mutter kniet immer noch neben der Frau und streichelt sie. Die anderen stehen herum und betrachten Baals Mutter dabei, wie sie die Frau streichelt.

Im Publikum haben sich einige Leute erhoben, um besser sehen zu können. Andere nutzen den Moment für einen kurzen Toilettengang. Der Inspizient geht immer wieder zum Ausgang, um hinauszuspähen.

Die Zeit vergeht nicht. Sie ist eingedickt und klebt wie alter Honig in einem Glas, das niemand mehr anfassen will. Gleich fängt es an, langweilig zu werden. Ich bin überrascht, die ganze Zeit über nicht eine Sekunde daran gedacht zu haben, dass ich etwas tun könnte. Wasser holen für die Frau. Der Ärztin vor mir auf die Schulter tippen. Sie sind doch Ärztin, können sie diese Frau nicht aus ihrer Lage befreien.

Vorne fragt nun einer der Weißhemden die am Boden Liegende: Wollen Sie vielleicht mal versuchen aufzustehen? Die Frau will es versuchen, ein paar Hände ziehen an ihr. Die weiße Hose strahlt stärker als alles andere im Raum. Hoffentlich hat die Frau in der Zwischenzeit nicht eingemacht. Alles wird hier so sehr beleuchtet. Jetzt haben sie die Frau in eine sitzende Position gebracht. Langsam richtet man sie auf. Gestützt von beiden Seiten wird sie hinaus geleitet.

Die Zuschauer, die noch am Bühnenrand herumstehen blicken sich um, als müssten sie gedanklich erst wieder in den Raum zurückfinden, und tappen dann auf ihre Plätze zurück.

Das Licht im Saal wird heruntergefahren. Jetzt ist die Bühne leer. Stille kehrt ein. Die Scheinwerfer gehen an. Auftritt Baal. Mit nacktem Oberkörper überquert er den Kampfplatz. Seine Brustbehaarung nass auf der weißen Haut. Seine Kopfbehaarung strähnig. Wild im Gesicht, hebt er die Hände und grinst: Geht’s Ihnen allen gut? Grinst stärker: Mehr oder weniger? Gut, dann machen wir jetzt weiter. Eigentlich wäre jetzt eine Szene gekommen, bei der ich ins Publikum gehe und mir eine Frau aussuche, aber das lassen wir heute weg und ich mache die Szene diesmal von hier aus.

Baal schnappt sich eine E-Gitarre, greift in die Saiten und fängt an ein Liebeslied zu singen. Mit seiner rauen, schönen Stimme, steigt er sofort in die Vollen und reißt alle noch herumflirrende Aufmerksamkeit auf einen Schlag zu sich hin. Innerhalb weniger Minuten ist das Ereignis mit der ohnmächtigen Frau ausgelöscht. Jetzt existiert nur noch Baal im Raum, seine Sehnsucht, sein Leiden, sein Trieb. Ich klebe an seinem nassen, japsenden Körper bis die Vorstellung zu Ende ist und nach dem Schlussapplaus der Dramaturg auf die Bühne kommt, um eine Ansage zu machen: Der jungen Frau geht’s gut. Sie hat auf eigenen Beinen das Theater verlassen und geht jetzt noch routinemäßig ins Krankenhaus. Danke, dass sie alle so souverän reagiert haben. Einen schönen Abend noch.

Das Publikum klatscht, dann stehen alle auf und verlassen den Saal. Die Frau vor mir, die vermeintliche Ärztin, erhebt sich und schiebt sich lächelnd zwischen den Stühlen durch. Ich sehe, dass sie hochschwanger ist.

Einige Reihen weiter vorne höre ich jemanden fragen, ob die ohnmächtige Frau eigentlich jedes Mal mit dabei wäre, damit Baal dann immer behaupten kann, er würde jetzt eigentlich ins Publikum gehen, es dann aber doch nicht macht. Ein anderer sagt: Bestimmt. Wahrscheinlich bekommt die Frau sogar 50 Euro Statistenhonorar für den Auftritt. Ich muss lachen, etwas zu laut. Die schwangere Ärztin bleibt stehen und dreht sich fragend zu mir um. Gott sei Dank, sage ich. Jetzt darf man ja lachen.